Depression bei Männern – „Ich bin doch kein Weichei!“

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Ein Thema, welches sehr wichtig ist zu betrachten, vor allem unter dem Aspekt der häufiger auftretenden vollendeten Suiziden bei Männern. Insgesamt zählen Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Die WHO (World Health Organization) schätzt die Zahl der Menschen mit Depressionen in Deutschland auf 4,1 Millionen. Daher wird auch von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe völlig zurecht von einer Volkskrankheit gesprochen. Die Dunkelziffer, so wird vermutet, ist allerdings noch weit höher. Depressionen sind die häufigste Ursache für einen Selbstmord, vor allem bei jüngeren Menschen.

Laut dem statistischen Bundesamt nehmen Männer sich deutlich häufiger das Leben als Frauen. Ca. 76% der Suizide wurden von Männern begangen.

Ein Problem sehe ich darin, dass bei Männern jedoch eine Depression seltener erkannt und behandelt wird, da sie sich häufig auch symptomatisch anders darstellen kann, als es bei Frauen der Fall ist. Daher möchte ich in diesem Beitrag gerne etwas genauer die Symptomatik einer ‚männlichen‘ Depression herausstellen, um dafür zu sensibilisieren.

Mögliche Symptome einer Depression bei Männern sind …

  • ausgeprägtes Leistungsdenken und damit einhergehende ‚Fluchten‘ in z.B. Arbeit oder Sport
  • erhöhte Reizbarkeit und aufbrausendes Verhalten
  • Aggression und Wutanfälle
  • Neigung zu Vorwürfen und nachtragendem Verhalten
  • erhöhte Risikobereitschaft (z.B. im Sport und/oder Straßenverkehr)
  • Schlafstörungen
  • vermehrter Alkohol- und Nikotinmissbrauch
  • Suizidgedanken

„Eine depressive Störung zuzugeben oder Hilfe zu suchen, bedeutet im traditionellen Männlichkeitsskript noch immer Status-, Männlichkeits- und Identitätsverlust“ (ÄrzteZeitung, 2018). Das erklärt auch die häufig auftretende Flucht in die Arbeit, den Sport oder auch den Alkohol, um den wahrgenommenen (häufig unbewussten) Verlust von sogenannter „Männlichkeit“ zu kompensieren. Trotz zunehmender Antriebslosigkeit versucht man, seine Aufgaben trotzdem weiter zu erfüllen, auch wenn dies einem immer schwerer fällt und immer mehr Zeit in Anspruch nimmt. Auch daraus kann sich ein Teufelskreis aus Überbeanspruchung und damit zusätzlichem Stress ergeben. Dies ist den Betroffenen oft nicht bewusst, doch viele gestehen sich nicht ein, dass sie erschöpft, traurig und teilweise ausgebrannt sind. Denn das passt einfach nicht in das traditionelle gesellschaftlichen Männerbild. Und das ist gefährlich!

Alle Menschen sollten dafür sensibilisiert werden, dass Depressionen sicher auch bei Männern genauso oft vorkommen wie bei Frauen, nur dass diese meist noch größere Probleme haben dies zu äußern („Ich bin doch kein Weichei!“) oder sie aufgrund anderer auftretender Symptomatik, wie z.B. vermehrtem Alkoholkonsum häufig auch als „Suchterkrankung“ diagnostiziert wird, hinter der jedoch häufig eine Depression liegen kann. Das Problem dabei ist dann, dass die Suchterkrankung beispielsweise symptomatisch behandelt wird, jedoch Rückfälle wahrscheinlich sind, da das dahinterliegende ursprüngliche ‚Problem‘ gar nicht erst erkannt wird.

Auch wenn andere Symptomatiken zu stark werden, z.B. Schlaflosigkeit, gehen Männer vielleicht zum Arzt, jedoch wird auch hier dann häufig nur symptomatisch behandelt. Daher ist es auch wichtig, dass durch regelmäßige Arztfortbildungen und eine entsprechende Sensibilisierung Fachpersonal entsprechend geschult wird.

Und nein Männer, ihr seid keine „Weicheier“ oder „Sensibelchen“, wenn ihr äußert, dass ihr energie- und kraftlos seid und Ängste und Niedergestimmtheit oder sogar Suizidgedanken mit euch herumtragt! Ganz im Gegenteil, so sehe ich das und ich hoffe auch viele andere Menschen, als unheimliche Stärke an, sich das einzugestehen und dies vertrauten Personen gegenüber zu äußern. Traut euch zu sagen, was ihr fühlt und fühlt euch bitte nicht in eurer ‚Männlichkeit‘ angegriffen, wenn Menschen in eurem Umfeld sich um euch sorgen. Das tun sie, weil sie euch lieben und euch nicht verlieren möchten! Und nicht, um euch eurer ‚Männlichkeit‘ zu berauben!

Eure Sophie von PsychInfos

Quellen:

https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/suizide.html

Wüstel, Jens-Michael, Männliche Depression, 2018, Beltz-Verlag

Suizidalität

Der Gedanke daran nicht mehr leben zu wollen ist eine allzu menschliche Reaktion auf eine, gefühlt, nicht überwindbare Krise oder Lebenssituation. Auch wenn dies für viele in unserer Gesellschaft nicht verständlich erscheint. Die Zahlen der jährlichen Suizide sprechen für sich. Im Jahr 2018 starben in Deutschland insgesamt 9 396 Personen durch Suizid – das waren über 25 Personen pro Tag (Statistisches Bundesamt, 2020).

Immer mal wieder habe ich, selbst in meinem nahen Bekanntenkreis, Aussagen gehört wie „Jeder, der sich umbringt, ist doch einfach nur feige!“ oder „Wie kann man denn so egoistisch sein?“. Die Gespräche endeten in Diskussionen, die von meinem Gegenüber meist versucht wurden zu beenden mit der Aussage „Da sind wir halt einfach unterschiedlicher Ansicht!“.

Nein, das hat nichts mit irgendeiner Ansicht zu tun, sondern solche Aussagen sind Zeichen dafür, dass Menschen nicht wissen können oder auch nicht wollen, dass andere Menschen so verzweifelt oder schwer erkrankt sein können (meist psychisch), dass sie keinen anderen Ausweg mehr sehen, als ihr Leben eigenmächtig zu beenden und, dass es sich in den meisten Fällen nicht um eine unüberlegte impulshafte Entscheidung handelt, sondern über die oft lange nachgedacht wurde. Und meist ist die Wahrnehmung der Betroffenen noch so verzerrt, dass sie ernsthaft denken ihrer Familie und ihrem Umfeld mit ihrem Suizid einen Gefallen tun und sie dann endlich keine „Belastung“ mehr für Andere sind – von egoistischem Handeln kann da meines Erachtens absolut keine Rede sein!

Wir dürfen uns der Thematik nicht verschließen und sie tabuisieren – betroffene Menschen mit Suizidgedanken nicht verurteilen, sondern ihnen Aufmerksamkeit schenken und sie wahrnehmen – und uns nicht auf unsere Hoffnung verlassen, „dass sie sich schon nichts antun werden“.

Ich möchte nicht sagen, dass jeder Suizid verhindert werden kann, aber ich bin mir sicher, dass es weit weniger Suizide geben würde, wenn die Verurteilung und Stigmatisierung in unserer Gesellschaft gänzlich aufhören würde, so dass die Menschen sich trauen ihre Gefühle und Gedanken anzusprechen und sich zu öffnen. Ansonsten kommt es zu der Negativspirale, wie auch in meinem letzten Beitrag schon beschrieben und der Rückzug verstärkt sich und damit auch oft die Verzweiflung und gefühlte Auswegslosigkeit.

Sophie von PsychInfos