Suizidalität

Der Gedanke daran nicht mehr leben zu wollen ist eine allzu menschliche Reaktion auf eine, gefühlt, nicht überwindbare Krise oder Lebenssituation. Auch wenn dies für viele in unserer Gesellschaft nicht verständlich erscheint. Die Zahlen der jährlichen Suizide sprechen für sich. Im Jahr 2018 starben in Deutschland insgesamt 9 396 Personen durch Suizid – das waren über 25 Personen pro Tag (Statistisches Bundesamt, 2020).

Immer mal wieder habe ich, selbst in meinem nahen Bekanntenkreis, Aussagen gehört wie „Jeder, der sich umbringt, ist doch einfach nur feige!“ oder „Wie kann man denn so egoistisch sein?“. Die Gespräche endeten in Diskussionen, die von meinem Gegenüber meist versucht wurden zu beenden mit der Aussage „Da sind wir halt einfach unterschiedlicher Ansicht!“.

Nein, das hat nichts mit irgendeiner Ansicht zu tun, sondern solche Aussagen sind Zeichen dafür, dass Menschen nicht wissen können oder auch nicht wollen, dass andere Menschen so verzweifelt oder schwer erkrankt sein können (meist psychisch), dass sie keinen anderen Ausweg mehr sehen, als ihr Leben eigenmächtig zu beenden und, dass es sich in den meisten Fällen nicht um eine unüberlegte impulshafte Entscheidung handelt, sondern über die oft lange nachgedacht wurde. Und meist ist die Wahrnehmung der Betroffenen noch so verzerrt, dass sie ernsthaft denken ihrer Familie und ihrem Umfeld mit ihrem Suizid einen Gefallen tun und sie dann endlich keine „Belastung“ mehr für Andere sind – von egoistischem Handeln kann da meines Erachtens absolut keine Rede sein!

Wir dürfen uns der Thematik nicht verschließen und sie tabuisieren – betroffene Menschen mit Suizidgedanken nicht verurteilen, sondern ihnen Aufmerksamkeit schenken und sie wahrnehmen – und uns nicht auf unsere Hoffnung verlassen, „dass sie sich schon nichts antun werden“.

Ich möchte nicht sagen, dass jeder Suizid verhindert werden kann, aber ich bin mir sicher, dass es weit weniger Suizide geben würde, wenn die Verurteilung und Stigmatisierung in unserer Gesellschaft gänzlich aufhören würde, so dass die Menschen sich trauen ihre Gefühle und Gedanken anzusprechen und sich zu öffnen. Ansonsten kommt es zu der Negativspirale, wie auch in meinem letzten Beitrag schon beschrieben und der Rückzug verstärkt sich und damit auch oft die Verzweiflung und gefühlte Auswegslosigkeit.

Sophie von PsychInfos

Was du für die Entstigmatisierung psychischer Krankheiten tun kannst

Im übertragenen Sinne bedeutet Stigma, dass ein bestimmtes Merkmal (z.B. Depression) mit einer negativen Eigenschaft (z.B. faul sein) oder aber einem Vorurteil verknüpft wird. Es gibt verschiedene Arten von Stigmatisierungen, auf welche ich nun aber aufgrund der Übersichtlichkeit nicht eingehen werde.

Sehr wichtig ist es mir aber darauf aufmerksam zu machen, dass jegliche Stigmatisierung vom Umfeld dazu führen kann, dass früher oder später die betroffene Person die Annahmen aus dem Umfeld übernimmt und es somit zu einer Selbststigmatisierung kommt.

Das erhöht den sowieso schon vorhandenen Leidensdruck im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung nochmal zusätzlich. Generell wirken sich Stigmatisierungen, egal welcher Art, negativ auf das Selbstwertgefühl aus und häufig führt dies in eine Negativspirale und einen Teufelskreislauf aus Selbstentwertung, Scham und Angst vor zusätzlicher Verurteilung durch Andere, wo man sich doch selbst oft schon verurteilt.

Und getrieben von dieser Angst, suchen Betroffene sich oft keine professionelle Unterstützung und die Symptome verschlechtern sich zunehmend. Die Verschlechterung der Symptome kann zu vermehrtem Rückzug entweder der Freunde und Bekannten oder des Betroffenen selbst führen und so geht es weiter und tiefer in den dunklen Sog.

Sind Menschen nicht bedeutend mehr als eine Diagnose oder noch spezieller eines ICD-10-Codes?

Was also kann jeder konkret für eine Entstigmatisierung psychischer Krankheiten tun?

Selbstreflexion: sich selbst bewusst werden, über eigene Vorurteile, mit denen man Menschen begegnet; denn niemand, auch kein Therapeut, ist von Vorurteilen gänzlich frei; nur sollte man sie sich bewusst machen, um sie dadurch zu entkräften und bestenfalls gänzlich ablegen zu können

– Kommunizieren: wenn euch in irgendwelcher Art von Medien Stigmatisierungen auffallen, schreibt das entsprechende Medium (z.B. Social-Media-Plattformen, Zeitungen, etc.) doch einfach an und benennt eure Wahrnehmung; manchen Menschen ist es vielleicht selbst gar nicht bewusst. Ebenso bei Freunden oder der Familie oder dem Partner: benennt es!

– Aufklärung/Infomaterial: informiert euch und euer Umfeld über bestimmte Erkrankungen. Lieber informieren statt uninformiert zu urteilen und zu verurteilen.

Das Thema Stigmatisierung psychischer Erkrankungen ist mir wirklich eine Herzensangelegenheit, denn ich habe in den letzten 10 Jahren sehr viele Menschen kennengelernt, sowohl in meinem privaten als auch in meinem beruflichen Umfeld, die sich aus Angst vor Stigmatisierung entweder viel zu spät oder gar keine Unterstützung gesucht haben und teilweise resultierten daraus unnötig lange Krankheitsverläufe oder es kam zu noch schwerwiegenderen Folgen.

Liebe Grüße,

Sophie von PsychInfos