Radikale Akzeptanz

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„Es ist, wie es ist.“

Ein Satz, der schnell über die Lippen geht, doch wird er auch wirklich so gefühlt? Ich vermute, dass das Bestreben nach dem Fühlen dieses Satzes zwar immens ist, aber es nur wenige Menschen wirklich schaffen, nach der sogenannten Radikalen Akzeptanz zu leben. Es geht bei der Radikalen Akzeptanz zusammengefasst darum, das Erleben und Erfahren im Hier und Jetzt, inklusive der eigenen Reaktion darauf (!) eben zu akzeptieren, wie es ist. Es stammt aus dem Fertigkeitentraining zur Emotionsregulation von Marsha Linehan (Begründerin der Dialektisch Behavioralen Therapie (DBT) der Borderline-Persönlichkeitsstörung), die jedoch auch selbst Betroffene ist.

Ich denke persönlich, dass es eine der schwierigsten Aufgaben für uns Menschen ist, Dinge anzunehmen, wie sie nunmal sind – ohne sie zu bewerten oder ganz schnell loswerden zu wollen, z.B. den Ärger, den man über eine bestimmte Situation spürt. Es kann sich hier im Alltag um ganz harmlose Dinge handeln, wenn z.B. ein Zug Verspätung hat. Doch Menschen mit psychischen Erkrankungen haben mit wesentlich schwerwiegenderen Verlusten und Dingen zu kämpfen, die den verspäteten Zug doch allzu harmlos erscheinen lassen. Aber jeder weiß, was für ein Ärger auch schon der verspätete Zug in einem bereits schonmal ausgelöst hat oder auch vergleichbare Alltagssituationen.

Und das soll in keinster Weise heißen, dass man jegliches ignorantes oder egoistisches Verhalten von Mitmenschen einfach so annehmen soll, weil es „halt so ist“. Es geht vielmehr um das Erkennen und Annehmen der eigenen Emotionen dabei und dem eigenen Gefühl eine Berechtigung zu geben und es anzunehmen, anstatt es wegdenken oder weg’lösen‘ zu wollen, da wir doch immer allzu lösungsorientiert für jede Situation direkt eine Lösung parat haben wollen. Natürlich ist es schön, wenn es Lösungen gibt, doch in manchen Situationen und Beziehungen gibt es keine eine Lösung und da birgt die Radikale Akzeptanz ein unheimliches Potenzial. Gefühle wahrnehmen, nicht bewerten und einfach da sein lassen. Und bevor man auf etwas reagiert, innerlich einen Schritt zurück gehen und die Situation einfach betrachten, ohne direkt im emotionalen Rausch zu handeln.

Wir können damit bei kleinen Sachen im Alltag anfangen, z.B. wenn wir morgens nach dem Aufstehen feststellen, dass wir keinen Kaffee mehr zu Hause haben (für mich persönlich allerdings auch schon gar keine kleine Sache mehr) oder .. oder .. oder .. es gibt unzählige Beispiele in unserem Alltag, an denen wir die Radikale Akzeptanz erproben können.

Und wenn wir dies im Alltag gut erprobt und ausprobiert haben, klappt es vielleicht mit der Zeit auch bei größeren und schwerwiegenderen Sachen im Leben.

Probiert es für euch aus, wie es euch damit geht, statt eure Gefühle wegdrängen oder direkt weg’lösen‘ zu wollen, sie stattdessen einfach mal so anzunehmen, wie sie nunmal eben sind. Womöglich verflüchtigen sie sich durch die Radikale Akzeptanz wesentlich schneller, als wenn man sie mit der Zeit mit einer ganzen Palette an unterschiedlichen Gefühlen den Tag über ansammelt, bis sie irgendwann aus einem heraus’explodieren‘ und dann womöglich den Menschen treffen, der am wenigsten dafür kann – der einfach nur gerade zur falschen Zeit am falschen Ort ist.

Wenn ihr mögt, schreibt mir gerne, welches Gefühl ihr oft mit euch herumtragt und ihr aber gerne loswerden möchtet. Und probiert doch mal aus, wie es für euch ist, wenn ihr es ganz bewusst mal versucht von ‚außen‘ zu betrachten – einen Schritt zurück geht in jeweiliger Situation – und es einfach annehmt, ohne es zu bewerten.

Und auch ich probiere mich verstärkt damit und kann euch sagen, dass ich es verdammt schwierig finde. Aber auch merke ich, dass es in der letzten Woche mein Leben und mein Befinden doch manches Mal auch schon durchaus positiv beeinflusst hat. Und ich denke, wie vieles, ist auch dies eine Sache, die man üben kann und sogar muss, damit es Effekte zeigt.

Eure Sophie von PsychInfos